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Weiter von Seite 2:  Rad/Schienesystem

Zum Rad/Schienesystem gehören natürlich auch als Teil des Radsatzes die Räderspeziell die Form der aufge-schrumpften Laufkränze oder auch Radreifen. Sie stehen im direkten Kontakt mit den Schienen und sorgen mit ihrer konischen Lauffläche dafür, daß das Fahrzeug während der Fortbewegung auf dem Gleis bleibt. Diese konische Form sorgt während der Fortbewegung des Fahrzeugs für den Sinuslauf  des Radsatzes, der selbstzentrierend wirkt und von den Spurkränzen seitlich begrenzt wird. Diese Schienenfahrzeugdynamik wird auch bei Modellen in 1:87 nachgebildet.

Ich möchte daher auf das Zusammenspiel von Radreifen, Spurkränzen und Schiene weiter eingehen, weil es für den ruhigen, entgleisungssicheren Lauf unserer Modellfahrzeuge von ausschlaggebender Bedeutung ist. 

Veränderliche Komponenten in diesem Zusammenspiel sind beim Modell:

  • die Form und die Höhe des Schienenprofils
  • die Höhe und Breite der Spurkränze
  • die Bauform der Weichenherzstücke
  • die Breite der Radreifenprofile
  • der Abstand der Radlenker von der Schiene
  • der Abstand zwischen Herzstückspitze und Flügelschienen 
  • das Radsatzinnenmaß

Diese Komponenten deuten schon daraufhin, daß es eine Unzahl von möglichen Varianten in der Beziehung zwischen Rad und Schiene gibt. Der Anfänger ist gut beraten, wenn er sich vom Hersteller seiner Schienenfahrzeuge, die ihn ja bei der Anschaffung einer Modellbahn zuerst ins Auge stechen, beraten läßt, welches Gleis- und Weichensystem dafür das Beste ist. Spiel- und Teppichbahnerei ist auf diese Art möglich und immer noch am weitesten verbreitet.

Dem etwas anspruchsvolleren Modellbahner genügt das natürlich nicht.

Er will seine Fahrzeuge, inzwischen von ihm oder Dienstleistern mit schmalen Radreifen und niedrigen Spurkränzen ausgerüstet, auf möglichst maßstäblichen Schienenprofilen und Weichen fahren lassen.

Zwischen beiden Arten der Ausübung des Hobbys liegen ganze Modellbau - Bahnwelten.

Deshalb haben in den vergangenen 50/60 Jahren kluge Köpfe für die Standardisierung von Modellbahnen Normen aufgestellt und immer mal wieder aktualisiert, so z.B. die NEM 310 / 311 und 340*  (Normen europäischer Modelleisen-bahnen, Herausgeber MOROP) oder die in den USA entwickelte, inzwischen auch hierzulande gängige NRMA (National Railroad Association) mit der in Europa weit verbreiteten Recommended Practice (RP) 25. An der Spitze dieser Finescale - Entwicklung stehen gegenwärtig Proto:87 und H0Pur. 

* Die NEM 340 (Mittelleiter) behandle ich auf diesen Seiten nicht, weil das Mittelleitersystem nicht wirklich etwas  mit Eisenbahnmodellbau zu tun hat!

Und um die Verwirrung noch etwas zu vergrößern: In allen Spurgrößen und Gleissystemen gibt es noch verschiedene Abstufungen der Maßstäblichkeit, CODE genannt, wo Schienenprofile verschiedener Bauformen in einer nochmaligen Unterteilung aufgeführt sind, ganz zu Schweigen von den Bauformen und Abständen der Schwellen und Kleineisen.

 

Zwischen all den Normierungsversuchen steht die Modellbahnindustrie mit dem Bestreben, ihre Neuentwicklungen für einen möglichst großen Abnehmerkreis zu produzieren und die damit unweigerlich abwärtskombatible Erzeugnisse herstellt.

Hier eine vollständige Auflistung aller funktionierenden Rad/Schienekombinationen zu erarbeiten würde letztlich zu einem umfangreichen Sachbuch führen. Deshalb kann es nur darum gehen, den Leser für dieses Thema zu sensibi-lisieren und ihm etwas Orientierung im Modelleisenbahndschungel mitzugeben. Auf was sollte der Modellbahnfreund also achten:







1. Feinere Räder und niedrigere Spurkränze ziehen unweigerlich auch weitere bauliche Veränderungen an den Loks, Waggons und auch den Weichen mit sich. So sind z.B. jetzt maßstäbliche Achs- und Zylinder-abstände bei Dampfloks möglich, die wiederum Umbauten der Fahrgestellrahmen, der Steuerung und Bremsen erfordern u.a.m.

2. Für einen entgleisungssicheren Lauf der Fahrzeuge ist die Bauform der Weichenherzstücke im Zusammenspiel mit der Spurkranzhöhe der Radsätze und dem Radsatzinnenmaß von entscheidender Bedeutung. Herzstücke dienen zur Stützung und zur Führung der Radsätze über die vorhandenen Unterbrechungen der Herzstückfahrkanten (Herzstücklücken). Normblatt 110, 310, 311 über Grundsätze der Spurführung in Herzstücken  nimmt mir jede weitere Erklärung ab:

(Im unteren Bild sind die Begriffe aus dem Normblatt angezeigt)

Orginalbild: Mit frdl. Genehmigung v. Thomas Rose, MPSB im Modell

3. Einfache Weichen unterscheiden sich in ihrer Geometrie durch die Form des Herzstücks. 

Wenn der abzweigende Radius von Anfang bis Ende der Weiche reicht, muß ein gebogenes Herzstück eingebaut werden. Endet der Radius vor dem Herzstück, verläuft der Rest des abzweigenden Gleises gerade.

DerAbzweigwinkel einer Weiche ist relativ unwichtig, da er nichts über die eigentlichen Eigenschaften der Weiche aussagt. Er ist lediglich eine Größe, die über die maximale Geschwindigkeit beim Befahren entscheidet und in der Modellbahnerei ergeben gerade Herzstücke schlankere Gleisbilder.

4. Bei einer ganzen Reihe von Weichen hat der Hersteller die Spurrillen zwischen Herzstück und Flügelschiene (NEM 310) aufgefüllt, damit das Rad bei der Laufflächenunterbrechung zwischen Herzstück und Flügelschiene nicht einsinkt, sondern auf dem Spurkranz laufen kann. Setzt der Modelleisenbahner jetzt Radsätze mit niedrigeren Spurkränzen ein , ist dieser Effekt nicht mehr vorhanden. Etwa die gleiche Wirkung haben schmalere Radprofile.

 

5. Ganz entscheidend für den Fahrzeuglauf über Weichen ist die richtige Einstellung des Radsatzinnen-maßes. Entspricht sie der Norm, muß geprüft werden, ob sie damit der Leitweite der verwendeten Weichen entsprechen. Korrekturen des der Norm entsprechenden Radsatzinnenmaßes sind dabei nicht ausgeschlossen.

Das Radsatzinnenmaß muß oft auch dann korrigiert werden, wenn es sich um Waggons mit langem Achstand handelt. Bei ihnen ist die Schrägstellung der Radsätze so groß, daß mitunter nicht nur das Radsatzinnenmaß, sondern auch die Leitweite verändert/vergrößert werden muß. Zweiachser mit selbstlenkenden Achsen hingegen ersparen dem Modellbahner einiges an Umstellarbeiten.



Soweit meine wichtigsten Erfahrungen im Umgang mit dem Rad/Schienesystem. Neben der Antriebsart der Triebfahrzeuge ein Thema, in das sich jeder ernsthafte Modelleisenbahner bis zu einem gewissen Grad selbst einarbeiten muß, wenn seine Fahrzeuge auf seinen Modulen/Segmenten einwandfrei laufen sollen.